Alexander Drews

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Hauptseminar WS 1994/95 "Deutschland und Skandinavien - Schnittpunkt und Austausch"

SL.: Dr. Hans Hube

 

 

Strausberg, den 31.06.1996

 

 

 

 

 

Thema:

 

"Der dänische Dichter Hans Christian Andersen und sein Verhältnis zu Deutschland"

 

 

 

 

 

 

Humboldt Universität zu Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Nr.

Kapitel

Seite

 

 

 

 

 

1.

Vorwort

3

2.

Über die deutsch-dänischen Kulturbeziehungen um 1830

6

3.

H.C.Andersens Reisen nach Deutschland

9

4.

Das Deutschlandbild in Andersens Schriften

17

5.

Andersen, Grimm und die deutschen Romantiker: Ein deutsch/dänischer Märchenvergleich

 

20

6.

Zur Übersetzungsproblematik bei Andersen

28

7.

Abschlußbemerkungen

38

8.

Literaturverzeichnis

40

9.

Anhang

44

 

 

 

 

 

 

 

"Nimmt man das Wort Geistesleben in seinem engeren Sinne, so scheint H.C.Andersen auf das dänische wie das allgemeine so gut wie keinen Einfluß geübt zu haben."

Georg Brandes

 

 

 

 

"Kaum bedenkt man, daß Andersen Däne und nicht Deutscher war."

Victor Schmitz

 

 

 

 

"I Tyskland havde og har man en tilbøjelighed til at overbetone Tysklands betydning for Andersens personlighed og produktion."

Gerhart Schwarzenberger

 

 

"Solch ein Gewimmel von Elfen und Feen,

Blumen und Genien im fröhlichen Scherz,

Aber darüber viel geistiges Wehen,

Aber darunter ein trauriges Herz."

Gräfin Hahn-Hahn

 

 

 

"Kein Dichter des Auslandes mutet uns Deutsche so heimatlich an wie Andersen. Das ist auch der Grund, weshalb er die deutschen Herzen so schnell und so ausdauernd erobert hat. Aber auch ihn zog es in seinem Unterbewußtsein immer wieder zu deutscher Art."

Prof.Dr.Michael Birkenbihl

 

 

 

 

 

 

1. Vorwort

 

Sollte man den märchenhaften Erfolg, den der dänische Dichter Hans Christian Andersen in Deutschland, aber auch in Frankreich und England, später in der ganzen Welt, erzielte, zu erklären versuchen, könnte man sagen, das Geheimnis sei, daß er in seinen kleinen Prosadichtungen alle Lieblingsmotive des romantischen und humanistischen Zeitalters sowie alle bewährten Formen des Volkshumors und der Kinderfantasie aller Zeiten vereinigte.

Schon von Kindheit an wurde das Schusterkind aus Odense auf Fünen konfrontiert mit mündlichen Volkserzählungen ebenso wie mit der literarischen Lektüre und dem Theaterrepertoir der zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts: Von der Mutter erfuhr er Fünische Volksmärchen, die er später umgestaltete, der Vater las ihm aus "Tausend und einer Nacht" vor, die Theatervorstellungen der Odenser Wandertruppen, die er zu Hause nachgestaltete, seine Statistenrollen in Kopenhagen, wo er in deutschen Ritterspielen und französischen Opern mitwirkte bis hin zu seiner verspäteten Studentenzeit, in der er alle möglichen Leihbibliotheksromane verschlang. In E.T.A.Hoffmann, Ludwig Tieck, Jean Paul und Heinrich Heine lebte und schwärmte der fantasievolle junge Mann.

Es ist wohl die besondere Persönlichkeit Andersens, die ihn für diese märchenhafte Kometenlaufbahn prädestinierte. Denn es war nicht nur das äußere Milieu, durch das diese Bahn führte; von der "elenden Behausung", deren ganzes Mobiliar nach dem Tode des Stiefvaters um ganze 4 Reichstaler verkauft wurde, über die Armenschule und die Hungerjahre des Studenten mit Reihum-Essen an Tischen gnädiger Gönner bis hin zur internationalen Berühmtheit in den europäischen Städten und dem ebenbürtigen Zusammensein mit großen Zeitgenossen des Geisteslebens in Stockholm, Berlin, München, Paris, London, Rom, Wien.

Eine ganz besondere Rolle in seinem Werdegang spielte dabei Deutschland. H.C. Andersens Verhältnis zu Deutschland ist das denkbar umfassendste; sowohl geistesgeschichtlich als auch für sein privates Leben ist es von größerer Bedeutung, als alle seine sonstigen zahlreichen Beziehungen zu anderen Ländern.

Schon vom ersten Beginn an zeigt sich dieses Verhältnis bei einem glücklichen Umstand: Mit 21 Jahren schrieb er sein Gedicht "Das sterbende Kind". Es wurde von einem Freund unmittelbar von Andersens Manuskript ins Deutsche übersetzt. Veröffentlicht wurde es zuerst anonym in einer deutschen Zeitung. In Kopenhagen erschien es in einem nicht gerade literarischen Blatt und wurde als Kuriosum betrachtet, wobei der deutsche Text neben dem dänischen Wortlaut abgedruckt wurde. Erst später wurde es in ein literarisches Blatt aufgenommen, und nun wurde Andersen in Dänemark zum ersten Mal als echter Dichter angesehen.

Vielleicht war dies der Ausgangspunkt für Andersens Weltruhm und somit die Grundlage zu den besonders vielseitigen und tiefen Beziehungen des Dichters zu Deutschland gelegt. In seiner ersten Selbstbiografie (von insgesamt drei) "Mit livs eventyr" bekennt er dankbar:

"Von Deutschland erscholl die erste entscheidende Anerkennung oder vielleicht Überschätzung meiner Arbeit. Ich beugte mich dankbar froh gleich einem Kranken nach Sonnenschein. (...) Von Deutschland aus wurde mein Mut fortzufahren gestärkt, dort fand ich die klarste Anerkennung, die mich geistig aufrechterhielt."

Andersens Verhältnis zu Deutschland läßt sich biografisch, literarisch und geistesgeschichtlich darstellen, wobei diese Komponenten natürlich ineinander übergehen. Denn die literarischen Beziehungen beruhen vielfach auf den biografischen Tatsachen, sie sind mitbestimmt durch Andersens Reisen durch Deutschland, auf denen er viele Dichter, Denker und Mäzene kennenlernte, die ihn anregten und beeinflußten.

 

 

 

2. Über die deutsch-dänischen Kulturbeziehungen um 1830

 

Die Aufwärtsbewegung von Andersens Laufbahn wäre nicht möglich gewesen ohne die enge Verbindung, welche damals zwischen Deutschland und Dänemark bestand. Dänemark war ein zweisprachiger Staat; neben gut 1 Million dänischer Untertanen hatte es ca. 500 000 deutsche in Lauenburg, Holstein und dem südlichen Schleswig. Holstein und Lauenburg gehörten zum Deutschen Bund und hatten diesem Truppen zu stellen. König Friedrich VI. vertrat sie im Frankfurter Bundestag. Der holsteinische Adel war zugleich deutschgesinnt und königstreu und dasselbe galt vom gebildeten Bürgertum, während "der breiten Masse noch keinerlei nationale Abneigungen nach irgendwelcher Seite hin eingeimpft waren." Auch die napoleonischen Kriege konnten daran wenig ändern, obwohl ja die "dänischen Deutschen" auf der Seite Napoleons kämpften, während Deutschland gegen den Kaiser agierte. In Preußen und anderen nicht-rheinbündischen Ländern stand man der deutsch-dänischen Nachbarmonarchie eher skeptisch gegenüber.

In Deutschland war vor allem die kulturelle Nachbarschaft zu Dänemark ausschlaggebend für ein wohlwollendes Verhältnis zum nördlichen Nachbar. Hatten doch F.G.Klopstock und Friedrich Schiller in Kopenhagen fürstliche Unterstützung erfahren. Dänische Dichter wie Jens Baggesen und Adam Oehlenschläger waren in Deutschland bekannt, auch als Schriftsteller in deutscher Sprache. Ludwig Tieck unterhielt Beziehungen mit Ingemann in Sorø und war ein Liebhaber Holbergs, dessen Stücke lange Zeit in Norddeutschland die Theater gefüllt hatten. Chamisso und Fouquè übersetzten aus dem Dänischen ebenso wie die Germanisten Grimm und Lachmann, für die die dänische Sprache ein Einstieg in die Welt der nordischen Mythologie und altnordischen Literatur bedeutete. Auch Schelling erfreute sich an der ihm "im Tiefsten so verwandten Sprache".

Die Dänen ihrerseits sahen in Deutschland vor allem das große und mächtige Nachbarland, das noch nicht - oder wenn dann höchstens in seinen südlichen (und katholischen) Teilen - fremd erschien. Es war ja die Fortsetzung der Herzogtümer (von Altona nach Hamburg war es trotz der Grenze nur ein Katzensprung) und die wirtschaftlichen und familiären Beziehungen von den Hansestädten und dem deutschen Binnenland nach Jylland und den dänischen Inseln waren dicht gesät. Das Deutsche war in ganz Dänemark die zweite Landessprache. Man wurde früh mit deutscher Literatur vertraut, ohne deren anregende Vorbilder ein Oehlenschläger nicht möglich gewesen wäre.

Die ersten Theateraufführungen, die der junge Andersen sah, waren die einer deutschen Wandertruppe. Die Dichter, die ihn nach eigener Aussage am stärksten beeinflußten, waren E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine und Walter Scott, der in Deutschland heimisch gewordene Engländer. "Fausts Zaubermantel" war ihm eine geläufige Vorstellung, die ihm einfällt, als er seine erste Eisenbahnfahrt - nach Norddeutschland - unternimmt. Als Kind besaß er einen Guckkasten mit Straßenbildern von Augsburg und hätte schon damals gern gewußt, was sich hinter einer Ecke oder jenseits einer Treppe des alten Rathauses befand. So kann man begreifen, was Deutschland für Andersen gewesen sein mußte, schon bevor er dorthin gelangte. Und man kann erahnen, warum er Dresden seine "liebe Stadt" nennt, daß er das alte und das neue Nürnberg begeistert lobt und im Inneren des Königsbaues in München angesichts der Nibelungenfresken einen "duft af tydskhed" empfindet. Zweifellos waren die deutsch-dänischen Beziehungen in den Jahren 1848-1850 durch den Interessenkonflikt um Schleswig getrübt. Während die "Eiderdänen" den Anschluß Schleswigs an Dänemark betrieben, beharrte die deutsche Partei auf Realunion mit Holstein. Im März 1848 erfolgte die Angliederung Schleswigs an Dänemark, was eine Erhebung in Schleswig-Holstein zur Folge hatte. Im Mai führte Preußen einen Feldzug nach Dänemark (General Wrangel) im Auftrage des Deutschen Bundes, doch Rußland, England und Frankreich erzwangen schließlich im August den Waffenstillstand von Malmö. Der nationalen Entrüstung darüber schließt sich die Nationalversammlung an, muß dem Stillstandsabkommen aber schließlich zustimmen. Dieser Verrat wird die Radikalen zum Septemberaufstand in Frankfurt verleiten. Im Februar 1849 erneuern die Dänen den Krieg. Trotz Überlegenheit und Siege gibt Preußen auf russisch-französischen Druck im Frieden von Berlin die Herzogtümer auf, der Krieg war beendet. Keiner unter den kulturellen Persönlichkeiten Dänemarks hat in den Kriegsjahren den politischen Gegensatz der Länder so schmerzlich empfunden wie Andersen. Aber niemand hat auch so klug und vornehm wie er - der ja nie das leiseste Interesse an der Politik bekundete - die deutsch-dänische Gegensätzlichkeit abgelehnt, die seit ungefähr 1840 gerade die tonangebenden dänischen Dichter erfüllte. Als 1849 der Krieg wieder ausbrach, ließ er sich dazu bewegen, ein dänisches Soldatenlied zu verfassen ("In Dänemark bin ich geboren, in diesem Land bin ich zu Haus"). Es ist bis heute eines der beliebtesten Vaterlandslieder in Dänemark. Selten ist wohl aus Anlaß eines Krieges ein weniger militaristisches Gedicht geschrieben worden. Es ist überraschend unnational und handelt von Dänemarks geschichtlicher Entwicklung, der dänischen Sprache und der dänischen Natur. Wie froh Andersen war, als im Jahre 1850 der Frieden geschlossen war, zeigt sein Brief an den Großherzog von Sachsen-Weimar, der von Freude überströmte, daß er nun wieder nach Deutschland reisen könne.

 

 

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