Zurück zur Homepage

Die ersten Kapitel

Vorige Kapitel

 

 

6. Zur deutschen Übersetzungsproblematik bei Andersen

 

Es gibt in der Tat auch einen deutschen Märchendichter Hans Christian Andersen, und er unterscheidet sich sogar etwas von seinem dänischen Original. Victor Schmitz dazu:

"Er vor allen hat das Antlitz Dänemarks vor der Welt enthüllt, er aber hat nicht nur die Sprache seines Landes gesprochen und geschrieben, sondern die Sprache, die in aller Welt verstanden und erwidert wird: die Sprache des menschlichen Herzens..."

So sehr Andersen zu den großen Geistern der Menschheit gehört und allen Völkern eigen ist (ein Ruhm, den er mit Homer, Shakespeare oder Goethe teilen kann), so echt und wesentlich ist er auch als Dichter ein Däne. Nicht nur leben die dänische Landschaft, die dänische Geschichte und das dänische Volkstum in seinen Märchen, auch seine Sprache und sein besonderer Stil sind so unausgesprochen dänisch, daß keine Übersetzung ihn ganz wiedergeben kann. Der Humor, die Ironie, der Witz gehen auch bei der besten Übersetzung etwas verloren, vor allem, weil der Humor oft gerade vom Wort bzw. von der Sprache ausgeht.

Das problematische Wagnis der Übersetzung hat seine bis heute gültige ästhetisch-kritische Analyse in der 1969 erschienenen Habilitationsschrift von Ralph-Rainer Wuthenow erfahren. An Hand einiger Beispiele für Übersetzungen aus der Weltliteratur verglich er Übersetzungen von Inhalt und Rahmenbedingung (unter gleichzeitiger Preisgabe des Kunstcharakters) mit Übersetzungen, die das Original "organisch", d.h. vor allem durch Interpretation wiederentstehen lassen. Das Ergebnis: Jede Übersetzung spiegelt meist auf grausame Weise das geistige Niveau des Übersetzers wider, denn eine literarische Übertragung ist nicht nur philologisch wichtig, sondern benötigt auch eine kritisch einfühlende Interpretation. Seit mehr als 150 Jahren gibt es Übersetzungen des Dänen H.C.Andersen und das in 60 Ländern der Erde. Nachdem Adalbert von Chamisso in Berlin als erster Andersen-Übersetzer tätig wurde, gab es noch eine Reihe von Übersetzern, die sich an die schwierigen Andersen Texte wagten.

Anhand des Märchens "Prindsessen paa Ærten", daß vorerst übersetzt und dann interpretiert wird, werde ich die Übersetzungen dieses Märchens bis in die neunziger Jahre unseres Jahrhunderts kritisch betrachten.

Bei der Wahl eines geeigneten Märchens für die Interpretation waren folgende Prämissen wichtig: Es sollte möglichst kurz, weil übersichtlich sein und es sollte in vielen deutschen Ausgaben erhältlich sein (mindestens 10), um Vergleichsmaterial zu liefern.

Zur Übersetzung: Syntax und Interpunktion sind möglichst genau wiedergegeben. Die Abschnitte folgen dem dänischen Original: wichtig sind die Abschnitte 5,6 und 10, die nur aus einem Satz bestehen, um die epimythische Bemerkung herauszustellen und um an dem Höhepunkt und Wendepunkt der Geschichte verzögernde Pausen zu markieren. Die Abschnitte 1,3 und 8 haben denselben Schluß; ein Stilzug, der nicht verloren gehen darf.

1. "Der var engang en Prinds; han vilde have sig en Prindsesse, men det skulde være en rigtig Prindsesse. Saa reiste han hele Verden rundt, for at finde saadan en, men allevegne var der noget i Veien, Prindsesser vare der nok af, men om det vare rigtige Prindsesser, kunde han ikke ganske kommer efter, altid var der noget, som ikke var saa rigtig. Saa kom han da hjem igjen og var saa bedrøvet, for han vilde saa gjerne have en virkelig Prindsesse.

1. Es war einmal ein Prinz; der wollte eine Prinzessin, aber wohlgemerkt eine richtige Prinzessin. So reiste er durch die ganze Welt, um so eine zu finden, aber mit allen war etwas los. Prinzessinnen gab es genug, aber ob das richtige Prinzessinnen waren, konnte er nicht ganz herausbekommen, immer war etwas nicht so richtig. Also kam er wieder nach Hause und war so traurig, denn er wollte so gern eine wirkliche Prinzessin.

2. En Aften blev det da et frygteligt Veir; det lynede og tordnede, Regnen skyllede ned, det var ganske forskrækkeligt! Saa bankede det paa Byens Port, og den gamle Konge gik hen at lukke op.

2. Eines Abends gab es aber ein schreckliches Wetter; es blitzte und donnerte, der Regen goß herab, es war ganz entsetzlich! Da klopfte es an das Tor der Stadt, und der alte König ging aufmachen.

3. Det var en Prindsesse, som stod udenfor. Men Gud hvor hun saae ud af Regnen og det onde Veier! Vandet løb ned af hendes Haar og hendes Klæder, og det løb ind af Næsen paa Skoen og ud af Hælen, og saa sagde hun, at hun var en virkelig Prindsesse.

3. Draußen stand eine Prinzessin. Aber Gott wie die aussah von dem Regen und dem schlimmen Wetter! Das Wasser lief an ihren Haaren und an ihren Kleidern herab, und es lief zur Schuhspitze herein und beim Absatz heraus, und dabei sagte sie, sie sei eine wirkliche Prinzessin.

4. `Ja, det skal vi nok faae at vide! tænkte den gamle Dronning, men hun sagde ikke noget, gik ind i Sovekammeret, tog alle Sengklæderne af og lagde en Ært paa Bunden af Sengren, derpaa tog hun tyve Matrasser, lagde dem ovenpaa Ærten, og saa endnu tyve Ædderduuns-Dyner oven paa Matrasserne.

4. `Ja, das werden wir schon noch entdecken!A dachte die alte Königin, aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer, nahm alles Bettzeug heraus und legte eine Erbse, und dann noch zwanzig Eiderdaunenbetten auf die Matratzen drauf.

5. Der skulde nu Prindsessen ligge om natten.

5. Dort sollte nun die Prinzessin zur Nacht liegen.

6. Om Morgenen spurgte de hende, hvorledes hun havde sovet.

6. Am Morgen fragten sie sie, wie sie geschlafen habe.

7. `O forskrækkeligt slet! sagde Prindsessen. `Jeg har næsten ikke lukket mine Øine den hele Nat! Gud veet, hvad der har været i Sengen? Jeg har ligget paa noget haardt, saa jeg er ganske bruun og blaa over min hele Krop! Det er ganske forskrækkeligt!

7. `Oh entsetzlich schlecht!A sagte die Prinzessin, `ich habe die ganze Nacht fast kein Auge zugemacht! Gott weiß, was da im Bett gewesen ist? Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich ganz braun und blau am ganzen Körper bin! Es ist ganz entsetzlich!A

8. Saa kunde de see, at det var en rigtig Prindsesse, da hun gjennem de tyve Matrasser og de tyve Ædderduuns Dyner havde mærket Ærten. Saa ømskindet kunde der ingen være,

8. Da sahen sie, dies war eine richtige Prinzessin, da sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunenbetten die Erbse gespürt hatte. So empfindlich konnte keiner sein, außer

uden en virkelig Pridsesse.

einer wirklichen Prinzessin.

9. Prindsen tog hende da til Kone, for nu vidste han, at han havde en rigtig Prindsesse, og Ærten kom paa Kunstkammeret, hvor den endnu er at see, dersom ingen hat taget den.

9. Der Prinz nahm sie also zur Frau, denn nun wußte er, er hatte eine richtige Prinzessin, und die Erbse kam in die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn niemand sie genommen hat.

10. See, det var ein rigtig Historie!"

10. Sieh, das war eine richtige Geschichte!

Zur Übersetzungsinterpretation: Andersen hat nicht ohne Absicht sehr viele Sätze mit dem Wort Prinzessin enden lassen. Dies muß soweit möglich auch im Deutschen wiedergegeben werden (sonst verliert dieses Wort seine exponierte Stellung). Andersen wiederholt epische Zusammenhänge in Hauptsätzen, von Kommata getrennt. Dazwischen schiebt er kurze Sätze der Personen und des Autors in Ausrufezeichen, so in den Abschnitten (=As) 1, 2, 3, 4 und 9. Dieser Rhythmus darf nicht schulmeisterlich normalisiert werden. Zum Konjunktiv. Wann der Konjunktiv im Deutschen verwendet werden soll, ist im Dänischen unklar: Ende des As 3. heißt es sie sei eine wirkliche Prinzessin, am Beginn des As 8 dagegen dies war eine richtige Prinzessin. Im Dänischen ist unklar, ob es sich um eine Behauptung oder eine Feststellung handelt, im Deutschen hingegen muß man sich entscheiden, was nur durch Interpretation möglich ist: Im 1.As fallen die Schlüsselwörter Prinzessin (fast immer in exponierter Stellung) und richtig (typografisch hervorgehoben) auf. Das Wort richtig kommt drei Mal vor, das drittemal in wortspielhafter Umformung: immer war etwas nicht so richtig. Die erfolglose Reise des Prinzen wird mit dem emphatischen so beschrieben: so richtig, so traurig, so gern. Am Ende von As 1 steht als Steigerung zur richtigen Prinzessin eine wirkliche Prinzessin, genau wie in As 3 und 8. Im 2.As fällt der Ausdruck ganz entsetzlich! auf. Das Ausrufungszeichen weist auf den objektiven Zustand, genau dieser wird in As 7 wiederholt. Es wird nur ein Schuh genannt, was zum mythischen Singular des Märchens gehört, übrigens genau wie es nur eine Schlafkammer oder Kunstkammer gibt. Die Königin höchtselbst wird die Betten bereiten, ohne Gehilfen, wie uns die vielen Illustrationen weißmachen wollen. Den Plural gibt es nur bei Matratzen, Prinzessinnen, Haaren und Kleidern wobei bei letzteren

der Singular gemeint ist. Das Modalverb sollte ist im 5.As wichtig (nicht mußte!, von einem Zwang kann gar keine Rede sein). Die einzigen direkt gesprochenen Sätze kommen in As 7 vor: hier spricht die Prinzessin. Und wie spricht eine Prinzessin (sehr wichtig für ihre Charakterisierung)? In Flüchen, Ausrufen, unlogisch, absonderlich. Gleich zweimal sagt sie entsetzlich. Der berühmte Satz, bei dem man auf den ersten Blick eine gute von einer mißlungenen Übersetzung unterscheiden kann, ist auch von ihr: Sie hat nämlich die ganze Nacht fast kein Auge zugemacht, nicht wie es logisch klingt und immer wieder unsinnigerweise verbessert wurde fast die ganze Nacht kein Auge zugemacht.

Ihr Zustand (entsetzlich!) wird dem gestrigen Unwetter gleichgesetzt, beide Male wurde Gott als Zeuge gerufen. Zur inneren Logik des Märchens: Objektiv war das Wetter in As 2 entsetzlich (denn es regnete ja in Strömen). Das fremde Mädchen nennt sich subjektiv eine wirkliche Prinzessin (was den Zweifel der Königin schürt). In As 7 nennt das Mädchen ihre nächtliche Lage subjektiv entsetzlich und deshalb steht sie Ende des As 8 objektiv als eine wirkliche Prinzessin da, denn so empfindlich konnte keiner sein. In As 10 taucht wieder ein Schlüsselwort auf: richtig, diesmal mit neuer Bedeutung: das war eine richtige Geschichte. Heißt das, daß es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um eine richtige Geschichte, also etwas ausgesprochen Unreales, oder als Kommentar zu einer Geschichte, die einen richtigen Ausgang hatte? Innerhalb des Märchens konnte man erleben, wie sich eine richtige Prinzessin zu einer wirklichen steigern konnte. Aber die Geschichte ist nicht wirklich, sie ist richtig! Diese kleine Königsfamilie, die an der ganzen übrigen Welt etwas auszusetzen hat, ist stilistisch durchaus uns nahegebracht, gegenwärtig und auch irgendwie kleinbürgerlich. Andersen zeichnete nicht die Farben einer entfernten Märchenwelt hinter den sieben Bergen, sondern die braunen und blauen Flecken einer empfindlichen, etwas dummen Prinzessin. Sieh, das ist eine richtige Geschichte!

Damit ist das Märchen noch nicht erschöpfend, wohl aber genügend analysiert, um an Hand dieser Analyse zu zeigen, woran es den deutschen Übersetzungen im Lauf der eineinhalb Jahrhunderte gebricht. Das Märchen enthält etwa 20 Fallen. Einige Fehler kehren immer wieder, sogar nach Albertsens Artikel "Die Deutschen und ihr Märchendichter Andersen" aus dem Jahre 1969, der sich mit dem Thema beschäftigt. Denn obwohl man erwarten könnte, daß die einzelnen Übersetzungen aufeinander aufbauen würden, fühlen sich immer wieder neue berufen, auf dem dänischen Urtext fußend, eine persönliche Wiedergabe zu versuchen. Das an sich wäre nicht fatal, wenn auf dem Buchtitel nicht unbedingt der Name Hans Christian Andersens stehen würde.

Die erste Übersetzung aus dem Jahre 1846 ist von einem Major von Jenssen mit der in ihrem Plural etwas irreführenden Überschrift "Die Prinzessin auf Erbsen". Die Abschnitte sind korrekt wiedergegeben, nur die Interpunktion wurde nach Gutdünken verbessert. Statt der Schlüsselwörter richtig und wirklich findet sich nur die Behauptung von einer "Aächten" Prinzessin. Am Ende heißt es sehr frei übersetzt: "Sieh, das war eine schöne Geschichte!" Das Wetter ist bei ihm schrecklich, die Prinzessin findet ihre Lage später dagegen entsetzlich, wobei der Bezug verlorengeht. Der Regen läuft der Prinzessin statt in einen Schuh in die Schnäbel der Schuhe, womit das Alltägliche durch das Exotische fatalerweise ersetzt wurde. Im As 5 soll die Prinzessin die Nacht auf dem Bett schlafen, was sie in Andersens Märchen ja gerade nicht soll. Die Prinzessin läßt Herr Jenssen in langen, schön gegliederten Sätzen sprechen, und zwar fast ohne Ausrufungszeichen. Dabei muß dem Übersetzer entgangen sein, daß Andersen dieselbe durchaus kritisch und ironisch betrachtet.

Eines der abschreckendsten Beispiele ist eine Übersetzung von Pauline Klaiber. Frau Klaiber ist der Titel von Andersen suspekt, weshalb sie sich kurzerhand für einen neuen entscheidet: "Die Erbsenprinzessin" und unterstreicht damit, daß nicht der individuelle Stil irgendeines fernen Dichters, sondern der normalisierte Konsum im Heimatland ihr Ziel ist. Alles was Andersen an mehrdeutigem zu bieten hat, merzt Frau Klaiber kurzerhand aus. Stimmig ist jedenfalls das Ende, wo es im wilhelminischen Tantenstil heißt: "Sieh du, das ist eine wahre Geschichte", denn in dieser Wiedergabe kann kein Erwachsener irgendwelchen künstlerischen Wert im Märchen entdecken.

1927 wurde von Reuscher/Schiller das Märchenbuch von 1841 neu herausgegeben, diesmal mit richtiger Überschrift. In Gliederung und Interpunktion entspricht sie dem Original. Aber auch hier ist überall von einer wirklichen Prinzessin die Rede, am Ende heißt es sogar "Sieh, das war eine wahre Geschichte". Auch hier läuft das Wasser in die Schnäbel der Schuhe und die Prinzessin machte fast die ganze Nacht kein Auge zu. Der Schlußsatz aus As 8 ist nicht unkomisch verbessert worden zu "So empfindsam konnte niemand sein, außer einer wirklichen Prinzessin", womit der Übersetzer Sinn für romantische Empfindsamkeit zeigte.

Die Tendenz, Andersens "schlechten Stil"verbessern zu müssen, nimmt mit den Jahren eher zu. Ende der zwanziger Jahre bearbeitete Paul Arndt das Märchen aus der Sammlung "Märchen und Erzählungen für Kinder". Der Titel verrät, daß sich der gemeine Erwachsene von selbst dem Kunsterlebnis auszuschließen hat, was auch Pauls Schlußsatz impliziert: "Sieh, Kind das ist eine wahre

Geschichte!" Wieder begegnen uns die unsäglichen Schnabelschuhe, die das Märchen aus der implizierten kleinbürgerlichen Atmosphäre in eine Fabelwelt katapultieren. Daß niemand so empfindlich sein konnte, außer einer Prinzessin glaubt Paul Arndt einfach nicht, weshalb er mit der ihm eigenen Konsequenz den Satz einfach ausläßt.

Mitte der fünfziger Jahre erschien in der DDR eine Übersetzung von Eva-Maria Blühm, mit einer Einleitung von Leopold Magon. Leider spricht auch Frau Blühm noch immer von Schnabelschuhen, Gerüchte halten sich eben genauso hartnäckig wie Fehler. Auch sie war der Meinung, es mit einer wahren Geschichte zu tun zu haben. Aber sie durchschaute das diffizile Spiel zwischen richtig und wirklich.

1958 kam die erste Weltausgabe, vertrieben vom Andersenhus in Odense, heraus. Interpunktion und Abschnitte wurden ad libitum eingesetzt. Da in dieser Variante durchgängig von einer wirklichen Prinzessin die Rede ist, wurde im Schlußsatz in As 8 eine Neuerung eingebracht: "So zarthäutig konnte nur eine echte Prinzessin sein!" Das Wort echt scheint hier wohl nur deshalb eingesetzt worden zu sein, damit in die Monotonie des völlig ungebildeten dänischen Märchendichters einmal eine neue Variante hineinkommt.

Die vielleicht beste Übersetzung (von Thyra Dohrenberg) stammt aus dem Jahre 1976 aus der Sammlung "Hans Christian Andersen. Sämtliche Märchen in zwei Bänden". Die Abschnitte folgen dem Original. Die Interpunktion wurde leicht "überarbeitet". Daß der Prinz allüberall etwas auszusetzen hatte, entspricht zwar nicht der Emphase, die Andersen dem Prinz angeeignet hatte, aber im Groben wenigstens der Zielsetzung. Leider hielt sich bis hier das Gerücht, daß die Prinzessin zur Nacht schlafen solle, anstatt zu liegen. Die "Prinzessinnensätze" enden mal wie im Original mit Prinzessin, mal mit haben und sein, eine unnötige stilistische Änderung. Auch die typografische Hervorhebung von richtig wurde weggelassen. Aus der Kunstkammer wurden die Kunstgemächer, obwohl Andersen nur eine, nämlich die Kopenhagener Kunstkammer im Auge hatte, die seit einigen Jahren geschlossen hatte (daher die Ironie; offiziell wurde die Erbse geehrt, aber eigentlich interessiert sich niemand für sie bzw. dafür, ob sie überhaupt noch da ist), aber das sind nur kleine Fehler in einer ansonsten gelungenen Übersetzung. Das war eine richtige Geschichte!

1987 brachte der Neugebauer Verlag München-Salzburg eine Übersetzung von Prof. Dr. Hans Gärtner heraus. Im engeren Sinne könnte man sie eine komplette Neubearbeitung nennen. Von einer Einteilung im Andersenschen Sinne kann keine Rede mehr sein. Interpunktion und Stilistik ist in kindlich-einfältiger Sprache neukomponiert worden. Prof. Gärtner wartet auch mit überraschenden Neuerungen auf. Überall stand nun etwas im Wege. Die Prinzessin war nach der Liegetortour grün und blau. Das war geradezu entsetzlich, i.G. zum Wetter, das furchtbar war. Auch Herrn Gärtner ist die ironische Kritik an der Prinzessin nicht weiter aufgefallen, denn er schreibt: "So feinfühlig konnte nur eine wirkliche Prinzessin sein". Leider sind auch hier wieder die Schuhspitzen anzutreffen. Auch habe sie fast die ganze Nacht kein Auge zutun können. Das Wort wirklich wurde in diesem letzten Satz richtig verwendet, was aber nicht weiter verwundert, da dies die einzige Bezeichnung für die Prinzessin in dieser Ausgabe blieb. Das Wort richtig kommt kein einziges Mal vor und so will der Herr Professor seine schöne neue Idee auch gleich für den Schlußsatz nutzen: Seht, das war eine wirkliche Geschichte! Leider.

1990 brachte der Coppenrath Verlag Münster die Geschichte neu heraus. Es gilt das gleiche wie für das 3 Jahre zuvor erschienene Buch. Auch hier gibt es wieder einige "Neuerungen", da man die ansonsten geistig arme Andersen Geschichte etwas aufpeppen will. So kommt der Prinz beispielsweise geritten. Alle Kritik oder Ironie ist verschwunden. Die Prinzessin ist nun "die Ärmste!" Unglaublich aber wahr: das Wasser lief wieder in die vermaledeiten Schnäbel der Schuhe hinein; nach dem Ritt des Prinzen fällt auch der Bezug zum bürgerlichen Milieu ganz weg. Statt Matratzen und Eiderdaunenbetten mußte die Prinzessin auf Daunendecken und zwanzig Kissen liegen, damit man dem normalgebildeten Kind nicht mehr umständlich erklären muß, was Eiderdaunbetten sind.

Auch farblich bekommt das Märchen eine neue Nuance, denn die Prinzessin ist nun rot und blau gefärbt. Daß richtig und wirklich und auch sonst alle wichtige Syntax völlig falsch plaziert (wenn überhaupt vorhanden) ist, sei nur nebenbei erwähnt. Da der Abschlußsatz "Sieh, das war eine richtige Geschichte!" nicht mehr "zeitgemäß" erschien, wurde er kurzerhand ganz gestrichen.

E. Spang gab beim Domino Verlag 1993 das vorerst letzte Exemplar des Märchens heraus. Da auch hier wieder so ziemlich alles falsch gemacht wurde, muß man ernsthaft an der Übersetzungsqualität der Deutschen zweifeln (oder verzweifeln). Nur der Kuriosität halber: Herr Spang bearbeitet das Märchen zeitgemäßer, weil Andersen ja bekanntlich ein nordischer Hinterwäldler war, bei dem keine Action mehr aufkommt. Deshalb zieht nun sein Prinz in der ganzen Welt herum, um eine Braut zu finden. Auch hier prasselte der Regen herunter. Es war "zum Fürchten!" Warum der natürliche Lauf der Dinge geändert werden muß und nun plötzlich der Regen hinten in die Schuhe hinein und vorne wieder herausrann ist wohl nur mit der Herrn Spang eigenen Logik nachzuvollziehen. Das königliche Gemach ist nun neudeutsch schlicht ein Schlafzimmer, in der die Königin einfachheitshalber alle Decken und Matratzen abnahm. Später kamen noch zwanzig Federbetten hinzu. Auch in dieser "Übertragung" befreite man sich von dem lästigen Schlußsatz und ließ ihn weg.

Jede Übersetzung scheint dazu verdammt zu sein, an irgendeinem Punkt dem Stil-und Dispositionswillen des Verfassers zu widersprechen. Die hier erwähnten Übersetzer sollten alle, davon gehe ich aus, gewußt haben, wovon sie schrieben. Einige freilich - und das gilt seltsamerweise vor allem für die Übersetzer unserer Zeit - waren von dem Glauben besessen, besser zu wissen, was ein echt Andersenscher Märchenstil ist. Zumindest zeigt die Interpretation, an die sich jeder Übersetzer vorher versuchen sollte, daß Andersens Märchen, vielleicht ohne daß sich der Verfasser selbst der Details bewußt war, nicht einfach reiner Stoff, sondern stilistisch und dispositionell verfeinerte Gebilde sind und wohl jedes Zeitalter zu ihnen einen neuen Zugang finden muß.

 

 

 

 

7. Abschlußbemerkungen

 

In der literaturhistorischen Behandlung von Andersens Leben und Dichtung ist die Abrechnung zwischen der Bedeutung, die Deutschland und Dänemark für Andersen gehabt haben, eines der ständig wiederkehrenden Themen. Die dänische Forschung hat in zunehmendem Umfang versucht, seine Persönlichkeit zu ergründen, um darin die Erneuerung der Märchendichtung durch ihn zu finden und wie er es schaffte, den dänischen Volksgeist um neue Elemente eines geistreichen Humors, Ironie und einer lebendigen Stilisierungskunst zu bereichern. Möglicherweise entscheidend inspiriert wurde Andersen 1833/34, als er, noch bevor er mit dem Schreiben von Märchen begann, in Wien Ferdinand Raimund traf, der in Andersen "den Sinn für Leichtigkeit den Witz und die Anmut weckte, die den zugrundeliegenden tiefen Ernst gewissermaßen mit einer Schutzstickerei bedeckte" . Danach hat Andersen die deutsche Märchendichtung systematisch studiert, sowohl die künstliche, romantische, als auch die volkstümliche, wie sie in Musäus` Märchen vorlag oder die der Gebrüder Grimm. In der Jahren zwischen 1828B1835 war er von E.T.A.Hoffmann geradezu besessen, den Niederschlag kann man in seiner frühen Reiseprosa nachvollziehen. Aber auch die volkstümliche deutsche Märchenwelt (die dänische, speziell die fünische sowieso) nahm er in sich auf und gestaltete sie nach eigener Kraft und Lebenserfahrung um.

Hans Christian Andersen wäre ohne seine enge Verbindung, die er zu Deutschland hatte, nicht der Dichter geworden, der er Dank seiner Fantasie und seines Wesens wurde. In erster Linie sind dabei seine freundschaftlichen Kontakte zu dichterischen und fürstlichen Größen zu nennen, die ihn anregten und förderten. Seine Reisen durch Deutschland wurden seine ersten und wichtigsten Erfahrungen; hier war er zum erstenmal auf sich allein gestellt. In Deutschland wurde Andersen zum erstenmal als Schriftsteller verehrt und anerkannt, während er in seinem Heimatland noch kritisiert wurde. Aus Deutschland erhielt er seine wichtigsten Inspirationen und hier konnte er sich auf vorhandenes Material stützen. Nicht zuletzt war Deutschland auch in wirtschaftlicher Hinsicht für Andersen wichtig; hier gab es ein enormes Leserpotential, weitaus größer, als es ihm Dänemark hätte bieten können. Und seine deutschen Leser nahmen seine Märchen und Geschichten, weit mehr als seine weniger gelungenen Dramen und Romane, dankbar auf, bis in die heutige Zeit.

Georg Brandes meinte zur Wirkung H.C.Andersens in seiner Heimat, daß er so gut wie keinen Einfluß auf das Geistesleben im engeren Sinne ausübte. Dieses Wort schließt auch die Einwirkung des Dichters auf die deutsche Literatur mit ein.

Und in der Tat lassen sich direkte Einflüsse kaum nachweisen. Erwähnt man die Märchenkomödien von Ludwig Fulda, insbesondere den "Talismann" und dazu Otto Ludwigs Märchen oder Richard Leanders "Träumereien an französischen Kaminen", dürfte alles Wesentliche gesagt sein. Die Nachahmer Andersens hielten sich nur an die Symptome in Andersens Kunst und Stil, und Andersens natürliche Nachtigall wurde bei ihnen durch einen Kunstvogel ersetzt. Höchstens Bechstein und Volkmann könnte man im Stil, weniger in den Stoffen, die sie hauptsächlich dem Volksmärchen verdanken, als selbständige Schüler Andersens bezeichnen. Aber Im Grunde bleibt Andersen unnachahmlich.

Doch Andersen hat den Deutschen viel gegeben. Seine Märchen haben Millionen Freude gegeben aber auch zum Nachdenken gebracht. Deutschland ist das Land, in dem Andersen seine ersten nicht-dänischen Freunde gewann. Es hat lange Zeit die Hauptmasse seiner Leser und Liebhaber gestellt, wenngleich heute die Werke des dänischen Dichters zum Allgemeingut der Weltliteratur gehören.

 

 

 

 

 

8. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

 

- Andersen, Hans ChristianEventyr, fortalte for Børn.

1835, Kopenhagen 1963

 

- Andersen, Hans Christian

Skrifter. Første udgave/ anden udgave, Kopenhagen 1854/1879

- Andersen, Hans Christian

Sämtliche Märchen und Geschichten in 2 Bänden. Leipzig, Dieterich 1953

- Andersen, Hans Christian

Werke. Vom Verfasser besorgte Ausgabe. Leipzig 1847

- Andersen, Hans Christian

Märchen. Berlin,

Knaur 1938

- Andersen, Hans Christian

Märchen von H.C.Andersen. Berlin, Morawe&Schoffelt, 1925

- Brinek, Günther (Hrsg.)

Die Prinzessin auf der Erbse. Domino Verlag, München 1992

- Gärtner, Hans (Lektorat)

Die Prinzessin auf der Erbse. Neugebauer Press Verlag, Salzburg-München 1987

- Hoffmann, E.T.A.

Die Märchen. Nußknacker und Mausekönig. in Dichtung und Schriften. Band VII., Weimar 1924

- Kindler/Hilgemann (Hrsg.)

dtv Atlas zur Weltgeschichte. Band II, Bielefeld 1968

- Mußenbrock, Anne (Hrsg.)

Die Prinzessin auf der Erbse. Coppenrath Verlag, Münster 1990

- Sammelband

Hans Christian Andersens Märchen in zwei Bänden. Band 1, Stuttgart 1976

 

- Topsøe-Jensen, H. (Hrsg.)

H.C.Andersens Brevveksling med Jonas Collin den Ældre og andere Medlemmer af det Collinske hus. 1823, Kopenhagen 1945

 

Sekundärliteratur:

 

 

- Albertsen, Leif Ludwig

Die Deutschen und ihr Märchendichter Andersen. Anderseniana (herausgegeben vom Andersens hus Odense), Række 3, Bind I , 1970

- Anonym

Deutsche Städte - wie sie H.C.Andersen sah. In Ausblick, Mitteilungsblatt der Deutschen Auslandsgesellschaft, Lübeck 1961

- Prof. Michael Birkenbihl

Andersen und Deutschland. in Das Deutsche Buch, V. Jahrgang, Leipzig 1925

- Frederiksen, Emil

Über H.C.Andersen. Besonders in seinem Verhältnis zu Deutschland. In Ausblick, Lübeck 1955

- Harries, Heinrich

Hans Christian Andersen und Heinrich Zeise. Anderseniana, Række 2, Bind 5, Odense 1968

- Høybye, Poul

H.C.Andersen - Chamisso og Nicolas Martin. Anderseniana, Række2, Bind 4, Odense 1961

- Kofoed, Nils

Goethes indflydelse på den unge H.C.Andersen. Anderseniana, Række 2, Bind 5, Odense 1965

- Leyen von der, Friedrich

H.C.Andersen und das deutsche Märchen. Dänische Rundschau, Kopenhagen 1952

- Lorenzen, A.

Deutsche Beiträge im Stammbuch des H.C.Andersen. In Internationale Literaturberichte 9, 1901

- Neckel, Gustav

H.C.Andersen und Deutschland. In Zeitschrift für Deutschkunde, Jg. 41, Leipzig/Berlin 1927

- Nothardt, Fritz

"H.C.Andersen, Deutschland und die Welt. In Dänische Rundschau, Kopenhagen 1952

 

- Schmitz, Victor

"Hans Christian Andersen und Deutschland. In Ruperto Carola, 7.Jg., Nr.17, Heidelberg 1955

- ders.

Hans Christian Andersens Märchendichtung. Nordische Studien, Lübeck 1925

- Schoof, Wilhelm

Freiligrath und Andersen. In Börsenblatt des Deutschen Buchhandel, 22.Jg., Frankfurt 1966

- Schwarzenberger, Gerhart

H.C.Andersen og Tyskland. Anderseniana, Række 2, Bind V, Odense 1965

- Stauffacher, Werner

Hans Christian Andersen und Carl Spitteler. Anderseniana Række 2, Bind 5, Odense 1965

- Sylvanus, Erwin

Tysk Dramaturg ser på H.C.Andersen. Anderseniana, Række2, Bind 5, Odense 1965

- Vedel, Valdemar

H.C.Andersens Märchen in europäischer Beleuchtung. In Deutsche Rundschau, 52.Jg., Berlin, Leipzig 1926

- Wuthenow, Ralph-Rainer

Das fremde Kunstwerk. Aspekte der literarischen Übersetzung. Vandenhoeck & Ruprecht, München 1969

 

 

Zurück zur Homepage

Die ersten Kapitel

Vorige Kapitel